Bildungskrise – eine Folge politischer Entscheidungen

Die im Interview beschriebene Bildungskrise kommt nicht überraschend. Christine Sälzer spricht über fehlende Basiskompetenzen, Lehrkräftemangel und überforderte Schulen. Ihre pointierte Betrachtung möchte ich um die politische Verantwortung für die Rahmenbedingungen ergänzen.

Die aktuellen PISA-2025-Ergebnisse geben Anlass zur Sorge. Diese Entwicklung ist auch Ergebnis einer über Jahre gewachsenen Überforderung des Systems. Bereits seit den 1990er-Jahren wurden Ressourcen gekürzt, erweiterte Bildungsangebote zurückgefahren und personelle Reserven abgebaut. Das starke soziale und pädagogische Engagement vieler Lehrkräfte blieb vielfach ohne ausreichende Unterstützung. Zur mangelnden Wertschätzung gehörten auch öffentliche Abwertungen des Berufsstandes. Das 1995 von Gerhard Schröder verwendete Schlagwort von den „faulen Säcken“ steht dafür exemplarisch.

In den folgenden Jahren gab es durchaus sinnvolle Reformen. Viele zusätzliche Aufgaben wurden den Schulen jedoch übertragen, ohne sie mit den notwendigen Ressourcen auszustatten. Zugleich stiegen die Erwartungen, neben der Wissensvermittlung auch  Integration, soziale Unterstützung, individuelle Förderung, Medienbildung und Berufsorientierung zu leisten, was eigentlich gemeinsame Aufgabe von Elternhaus, Schule, Politik und Gesellschaft ist. Der Anspruch, für jedes Kind den bestmöglichen Bildungsabschluss zu erreichen, verstärkt diesen Druck bis heute, auch durch teilweise überzogene Erwartungen von Elternseite. Beim kritischen Blick auf Reformen erinnere ich auch an den umstrittenen radikalen Umbau des dreigliederigen Schulsystems, wobei etliche bestens aufgestellte Schulen aufgrund politischer Entscheidungen schließen mussten. 

Doch was braucht Schule heute? Schule braucht wieder mehr Zeit für ihre Kernaufgabe, für Unterricht und pädagogische Arbeit. Bürokratie kann vielfach von Verwaltungs- und Fachpersonal übernommen werden. Quereinsteiger können entlasten, brauchen aber eine solide pädagogische Nachqualifizierung. Zusätzliche Lehrkräfte, Schulsozialarbeit und multiprofessionelle Teams müssen dort eingesetzt werden, wo die Herausforderungen am größten sind. Nicht jedes neue Projekt oder jede zusätzliche Struktur verbessert den Unterricht. Was wirkt, muss dauerhaft finanziert werden; was nicht wirkt, sollte beendet werden.

Die Bemühungen der nordrhein-westfälischen Schulpolitik um bessere Unterrichtsversorgung und mehr Wertschätzung für Lehrkräfte sind wichtig, reichen aber nicht aus. Für die Schule der Zukunft braucht es weniger Prestige- und Projektpolitik und stattdessen verlässliche Rahmenbedingungen: dauerhaft ausreichendes Personal, pädagogisch sinnvoll organisierte Lerngruppen mit höchstens 20 Kindern, gezielte Förderung und eine klare Verteilung der Verantwortung zwischen Elternhaus, Schule, Politik und Gesellschaft.

Wer Bildung nachhaltig stärken will, muss vor allem in Menschen investieren.

Mit freundlichen Grüßen 

Karin Borggrebe


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