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„Unsere DDR war pleite, es gab kein nachhaltiges Rentensystem“
Der Beitrag von Günter Rolf Schmidt greift zwar drängende Fragen der Aufarbeitung auf, wirft der gegenseitigen Sichtweise jedoch voreilig vor,
„zynisch und geschichtsverklärend“ zu sein, während er selbst ein erstaunlich einseitiges Bild zeichnet.
In der Einschätzung von Gregor Gysi und Daniel Boschert liegt nämlich der eigentliche Schlüssel:
Die Wiedervereinigung hätte an einem gleichberechtigten Verhandlungstisch stattfinden müssen.
Dass der Verweis auf Artikel 146 des Grundgesetzes – der ursprünglich eine vom gesamten deutschen Volk in freier Entscheidung beschlossene Verfassung vorsah – heute oft voreilig entwertet
oder gar ins Abseits gerückt wird, verkennt dessen historische Bedeutung.
Er hätte einen Weg auf Augenhöhe geebnet, anstatt die DDR schlicht über den Beitritt nach Artikel 23 abzuwickeln.
Auch die Behauptung, in der DDR sei von Beginn an alles nur kaputtgewirtschaftet worden, hält einer nüchternen Prüfung kaum stand.
Unterschlagen wird dabei vor allem, dass die DDR die Hauptlast der deutschen Reparationszahlungen an die Sowjetunion und Polen fast allein trug –
ein Gegenwert von geschätzten 14 bis 15 Milliarden US-Dollar in Form von Demontagen und Sachleistungen –, während die BRD vom amerikanischen Marshallplan und Schuldenerlassen profitierte.
Hinter diesen Transferleistungen stand die moralische und historische Verpflichtung angesichts des von Deutschland entfesselten Vernichtungskrieges,
dem rund 27 Millionen sowjetische Bürger und etwa 6 Millionen polnische Staatsbürger zum Opfer fielen,
ganz zu schweigen von der flächendeckenden Zerstörung der dortigen Städte, Häuser und Infrastruktur. Dass es der ostdeutsche Teil Deutschlands war,
der diese immense funktionale und moralische Wiedergutmachungs- und Wiederaufbaulast für die Schuld des gesamten Deutschen Reiches fast im Alleingang auf sich nehmen musste,
prägte den wirtschaftlichen Start der DDR fundamental.
Wenn nun nach der Wende pauschal gegen den Osten gewettert wird und diese gigantische Last der gemeinsamen Kriegsschuld einfach ignoriert wird, ist das gerade für uns Ostdeutsche absolut zynisch.
Zudem wurde der oft zitierte Milliardenkredit von Franz Josef Strauß aus dem Jahr 1983 keineswegs verschenkt.
Er war weder ein Almosen noch ein Geschenk, sondern ein knallhartes Geschäft: Die DDR hat diesen Kredit bis auf den letzten Pfennig samt Zinsen vollständig zurückgezahlt.
Darüber hinaus war das Darlehen an konkrete Gegenleistungen geknüpft, welche die DDR vollumfänglich erbrachte – darunter der vertraglich vereinbarte Abbau
der tödlichen Selbstschussanlagen und Minenfelder an der innerdeutschen Grenze sowie erhebliche Erleichterungen im Reise- und Transitverkehr.
Stellt man diese eine Milliarde D-Mark den heutigen Sondervermögen von Hunderten Milliarden Euro gegenüber, die der Bund zur Sanierung der eigenen maroden Infrastruktur aufnehmen muss,
relativiert sich die damalige Summe beträchtlich.
Ebenso wenig darf die soziale Verlässlichkeit des Alltagssystems in Vergessenheit geraten.
Das Rentensystem war zu jeder Zeit sicher, und die Lebenshaltung war durch staatlich garantierte Festpreise stabil kalkulierbar –
von Neubauwohnungen für 15 bis 25 Mark Miete über das Brötchen für 5 bis hin zur Schnecke für 8 Pfennig.
Zudem gab es verfassungsrechtlich verbrieft faktisch keine Arbeitslosigkeit.
Ohne die ständige Bedrohung durch Erwerbslosigkeit, Existenzängste oder künstlich geschaffene soziale Gräben – wie sie später im Zuge von Arbeitsmarktreformen wie Hartz IV entstanden –
gab es im Alltag ein starkes Fundament für ein gegenseitiges Gemeinschaftsgefühl und verlässlichen Zusammenhalt.
Dazu gehörte auch eine flächendeckende Nahversorgung und soziale Betreuung, die selbst in kleinen Orten eine Selbstverständlichkeit war:
In nahezu jedem Dorf gab es einen Konsum, einen Kindergarten, eine Gemeindeschwester sowie eine Bibliothek oder ein Kulturhaus.
Erst durch die kühle Logik der heutigen Marktwirtschaft wurden diese dezentrale Strukturen schrittweise zentralisiert oder aus Rentabilitätsgründen abgewickelt,
sodass die Menschen vor Ort heute immer weiter wandernde Einkaufs- und Anfahrtswege für alltägliche Erledigungen und die Grundversorgung in Kauf nehmen müssen.
Ein gewaltiges, heute oft vergessenes Kapital des Ostens lag zudem in den Böden und der Landwirtschaft: Fruchtbare Ackerflächen mit höchsten Bodenwertzahlen –
etwa in der Magdeburger Börde oder der Region um Zeitz – stellten enorme Vermögenswerte dar.
Nach 1990 wurden diese ehemals volkseigenen Flächen sowie viele funktionierende Industriebetriebe über die Treuhand und deren Nachfolgeorganisationen oft gezielt an westdeutsche Großinvestoren und Agrarkonzerne veräußert, da einheimische Landwirte und Betriebe ohne Eigenkapital kaum eine Chance hatten und es oft nur um das Ausschalten von Konkurrenz ging.
Viele hochgebildete Fachkräfte verließen daraufhin zwar die Heimat, doch zeigten die Folgejahre deutlich, dass viele im Westen aufgrund völlig unterschiedlicher Prägungen nie wirklich heimisch wurden.
Die tiefe Verbundenheit mit der ostdeutschen Heimat, ihrer Natur und ihrer Kultur lässt den Wunsch nach einer Rückkehr bei einem Großteil von ihnen bis heute fortbestehen.
Auch das Erziehungs- und Kulturwesen verdient eine differenzierte Betrachtung. In den Schulen, der Pionierorganisation, den Medien und Kulturverbänden wie der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft (DSF) war der Friedensgedanke ein zentraler Pfeiler des gesellschaftlichen Lebens. Zur historischen Ehrlichkeit gehört zwar auch, dass das Dogma „Der Frieden muss bewaffnet sein“ und der 1978 eingeführte Wehrunterricht einen spürbaren Widerspruch dazu bildeten, dennoch prägte das Streben nach Frieden das gesellschaftliche Bewusstsein nachhaltig.
Schließlich verstellt der pauschale Blick auf Umweltlasten den Blick auf das einzigartige Öko-Erbe des Ostens.
Das DDR-Nationalparkprogramm schuf in den Wendemonaten riesige Großschutzgebiete wie das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin oder den Müritz-Nationalpark – ein sogenanntes „Tafelsilber der Einheit“,
das heute paradoxerweise durch den ungebremsten Ausbau von Wind- und Solaranlagen bedroht wird.
Nicht zuletzt war auch die gesellschaftliche Aufarbeitung eine andere:
Während in der DDR NS-Täter konsequent aus Führungspositionen entfernt wurden, herrschte in den Behörden, Gerichten und Nachrichtendiensten der BRD
über Jahrzehnte eine drastische personelle Kontinuität aus der NS-Zeit.
Eine ehrliche Geschichtsbetrachtung erfordert daher Respekt vor den tatsächlichen Zusammenhängen und der Lebensleistung der Menschen im Osten.
Wer anderen so schnell Zynismus und Geschichtsvergessenheit vorwirft, sollte vor allem erst einmal selbst die historischen Fakten genauer prüfen.
Mit freundlichen Grüßen
Uwe Reetz
Unsere DDR war pleite, es gab kein nachhaltiges Rentensystem
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- Geschrieben von: Uwe Reetz
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