.    Die Bürger red! Aktion  Home of Leserbrief

SymbolBenutzer SymbolAdressenschw SymbolA Zschw SymbolA Zschw SymbolSuchen SymbolMenue

  Wir begrüßen unseren neuen Autor: 
Thomas Riebschläger

riebschlager350

Sehr geehrte Damen und Herren,

als seit über 25 Jahren tätiger Betriebsarzt wende ich mich mit großer Sorge an Sie im Hinblick auf den Gesetzesantrag des Landes Nordrhein-Westfalen „zum Abbau von unnötiger Bürokratie im Arbeitsrecht, Arbeitsschutz, Strahlenschutz und in der Chemikaliensicherheit“ (Bundesratsdrucksache 735/25).

Ich begrüße ausdrücklich jedes ernsthafte Bemühen, Unternehmen – insbesondere kleine und mittlere Betriebe – von unnötiger Bürokratie zu entlasten. Aus langjähriger praktischer Erfahrung weiß ich jedoch ebenso, dass ein vermeintlicher Bürokratieabbau im Arbeitsschutz schnell zu einem realen Abbau von Prävention, Sicherheit und Gesundheitsvorsorge führen kann. Genau diese Gefahr sehe ich bei den vorgeschlagenen Änderungen, insbesondere bei der Neufassung des Arbeitssicherheitsgesetzes (ASiG) sowie im Bereich des Jugendarbeitsschutzes.

1. Verlagerung der arbeitsmedizinischen Betreuung auf Unfallversicherungsträger

Die vorgesehene Regelung, wonach Betriebe mit weniger als 50 Beschäftigten künftig keine Betriebsärzte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit mehr bestellen müssen und stattdessen durch die Unfallversicherungsträger „betreut“ werden sollen, halte ich für hochproblematisch. In Deutschland betrifft dies rund 3,4 Millionen Unternehmen – also den überwiegenden Teil aller Betriebe.

Aus meiner täglichen Arbeit weiß ich, dass wirksamer Arbeitsschutz Kontinuität, Betriebskenntnis und Vertrauen voraussetzt. Eine standardisierte Betreuung „von außen“ kann dies nicht leisten. Hinzu kommt ein struktureller Interessenkonflikt: Unfallversicherungsträger wären zugleich beratende Instanz, Aufsicht und Versicherung. Diese Rollenvermischung widerspricht dem Grundgedanken unabhängiger Prävention und birgt erhebliche Risiken für Qualität und Glaubwürdigkeit der Beratung.

Zudem ist fraglich, ob die Unfallversicherungsträger personell überhaupt in der Lage sind, eine flächendeckende, qualitativ hochwertige Betreuung in Millionen von Kleinbetrieben sicherzustellen. Bereits heute besteht ein deutlicher Fachkräftemangel in der Arbeitsmedizin und Prävention.

2. Schwächung der Arbeitgeberverantwortung

Der Arbeitsschutz lebt davon, dass Verantwortung im Betrieb verankert ist. Die geplanten Änderungen erwecken jedoch den Eindruck, als werde diese Verantwortung faktisch ausgelagert. In der Praxis erlebe ich immer wieder, dass klare Zuständigkeiten entscheidend sind. Wenn Arbeitgeber glauben, „die Berufsgenossenschaft kümmert sich“, entsteht ein gefährliches präventives Vakuum – gerade dort, wo Beschäftigte ohnehin besonders vulnerabel sind.

Dies widerspricht nicht nur bewährter nationaler Praxis, sondern auch dem Geist der EU-Rahmenrichtlinie 89/391/EWG, die die Verantwortung für Sicherheit und Gesundheit ausdrücklich beim Arbeitgeber belässt.

3. Marktverzerrung und Verlust gewachsener Versorgungsstrukturen

Die vorgeschlagene Neuregelung gefährdet zudem die bestehende Versorgungsstruktur freiberuflicher und überbetrieblicher Arbeitsmediziner und Sicherheitsfachkräfte. Viele dieser Kolleginnen und Kollegen betreuen Kleinbetriebe seit Jahren mit hoher Qualität, Nähe und individueller Kenntnis der Arbeitsplätze. Werden diese Strukturen verdrängt, droht ein dauerhafter Verlust an Expertise, Innovation und Wahlfreiheit – mit langfristigen negativen Folgen für den Arbeitsschutz insgesamt.

4. Jugendarbeitsschutz: Mehr Bürokratie statt weniger Vorsorge

Auch die Änderungen im Jugendarbeitsschutz erscheinen mir aus ärztlicher Sicht kritisch. Die geplante Einschränkung der verpflichtenden Erstuntersuchung auf vermeintlich „gefährliche Tätigkeiten“ verlagert Verantwortung und Risiko auf Arbeitgeber, die häufig weder arbeitsmedizinische noch entwicklungsmedizinische Expertise besitzen. In der Praxis wird dies entweder zu Verzögerungen bei Einstellungen oder – schlimmer – zu einer Unterlassung sinnvoller Vorsorge führen.

Jugendarbeitsschutzuntersuchungen haben nicht nur eine arbeitsplatzbezogene, sondern auch eine wichtige präventive und pädagogische Funktion. Gerade am Beginn des Arbeitslebens erreichen wir junge Menschen oft erstmals mit gesundheitsbezogener Beratung. Dieser Effekt droht verloren zu gehen.

5. Fazit und Bitte an den Gesetzgeber

Zusammenfassend sehe ich in dem vorliegenden Gesetzentwurf keinen echten Bürokratieabbau, sondern vor allem eine Verlagerung von Pflichten, Kosten und Risiken – zulasten der betrieblichen Prävention und der Gesundheit der Beschäftigten. Aus meiner langjährigen ärztlichen Praxis heraus halte ich dies für einen gefährlichen Schritt rückwärts.

Ich bitte Sie daher eindringlich, die geplanten Änderungen kritisch zu überdenken und gemeinsam mit der arbeitsmedizinischen und sicherheitstechnischen Fachwelt nach Lösungen zu suchen, die tatsächlich entlasten, ohne bewährte Schutzmechanismen zu schwächen. Bürokratieabbau darf kein Synonym für Sicherheitsabbau werden.

Mit freundlichen Grüßen

Thomas Riebschläger


Teilen, Hinweis der Redaktion, Kommentieren und Bewerten in den sozialen Netzwerken und in der Bürgerredaktion:
  • Hinweis der Redaktion: Dies ist ein ungekürzter, unzensierter Originalleserbrief. Die Bürgerredaktion ist neutral. Verantwortlich für den Inhalt (auch der Kommentare) ist ausschließlich der Autor. Gedruckter Text ist farbig. Bewerten am Ende des Beitrags. INFO zum Autor, auch alle seine weiteren Artikel: klicken Sie bitte oben bei den Schlagwörtern den Namen des Autors. Wenn der Artikel nicht vollständig angezeigt wird (...), klicken Sie bitte auf den Titel.

Keine Kommentare


Zeitungsportal der Leserbriefe druckenden Zeitungen

Um zu sehen ob und wo Ihr Leserbrief gedruckt wurde, nutzen Sie Genios.de oder Pressreader.com. Suchen Sie dort nach Ihrem Namen in Anführungszeichen z.B.: "Maxi Musterfrau". Die Portale zeigen Ihnen dann ob, wo und wann Artikel von Ihnen gedruckt wurden.

Unten die 117 Logos von allen Zeitungen, die Leserbriefe der
Bürgerredaktion.de
gedruckt haben. Aktuellste Informationen aus diesen großen deutschsprachigen Zeitungen? Direkt mit einem Klick zum Internetauftritt der Zeitungen? Sofort und ohne Umwege einen Leserbrief an diese Zeitungen schreiben? Klicken Sie drauf! Sie können dann auch sehen, ob und welchen Leserbrief die jeweilige Zeitung von den Artikeln der Autoren der Bürgerredaktion.de gedruckt hat und wie viel davon.

Adressenliste. E-Mail Adressen von 120 Zeitungen die Leserbriefe drucken.

Bitte beachten Sie, dass Artikel, die älter als vier Jahre sind, nur angemeldeten Besuchern angezeigt werden.


Alle gedruckten Artikel in der Badischen Zeitung. zur Homepage der Badischen Zeitung. Alle gedruckten Artikel im Kurier. zur Homepage des Kurier

Datenschutz || Impressum || Kontakt

Idee, Design, Programm und Copyright  ©2026 by Michael Maresch